Eine Hochschule geht auf Schatzsuche

Hochschulen sind wahre Schatzkisten. Wer sie öffnet, stößt auf wertvolle Ideen und Forschungsergebnisse, die nur dafür geschaffen sind, um Veränderung zu ermöglichen und voranzutreiben. In der Praxis bleiben die Truhen jedoch allzu oft verschlossen, verstauben in Kellern oder geraten in Vergessenheit, bevor das immense Potenzial, das in ihnen lagert, jemals einen Nutzen findet. Etwa um mithilfe digitaler Innovationen ein attraktives Lern- und Lehrumfeld aufzubauen, dass die besten und qualifiziertesten Lehrenden und Studierenden zum Kommen und Bleiben animiert. An der TU Graz wollte man dies ändern und Forschungsergebnisse in Form von geförderten Pilotprojekten nachhaltig in die Universitätspraxis überführen und somit das eigene Potenzial in die Praxis transformieren. Damit wagte man einen Sprung in tiefe, unbekannte Gewässer. Denn einen Plan oder Methodik, die zum Ziel führen sollte, gab es nicht.

Gemeinsam nach Ideen tauchen

Zuerst galt es zu eruieren: Auf welche Probleme stoßen Lehrende und Studierende im Arbeits- und Studienalltag? Wer kann Lösungen auf technologischer Ebene anbieten und wie könnten diese aussehen? Um diese Fragen zu klären, wurden Forschende dazu aufgerufen, ihre Ideen für Technology Enhanced Learning (TEL) vorzustellen und zusammen mit den späteren Nutzer*innen in einer Veranstaltung, dem sogenannten F2F Marketplace, an einen Tisch geholt. Nach dem Prinzip „Miteinander statt übereinander reden“ tauschte man nach Vorbild eines echten Marktplatzes Ideen und Praxisprobleme aus. Im Anschluss an die Veranstaltung wurden ebenso gemeinsam aus den Worten konkrete Projektvorschläge formuliert. Interdisziplinäre Pilotteams aus Lehrenden sowie Forschenden und kollaboratives Design mit beispielsweise Studierenden und VertreterInnen verschiedener Organisationseinheiten (ZID, Lehr-& Lerntechnologien, Hochschulbildung etc.) stellen dabei eine Grundvoraussetzung dar. Von Beginn an zeigte man so Bereitschaft zu Dialog und Multiperspektivität, nahm die Universität als System in den Blick und ebnete so den Weg zum Erfolg. Denn: So wie das Meer mit seiner Vielfalt ein komplexes System mit eigenen Gesetzen darstellt, kommen auch an Hochschulen verschiedene Stakeholder*innen mit unterschiedlichen Sichtweisen und Bedürfnissen zusammen. Wer hier nicht alle Betroffenen miteinbezieht, geht selbst mit der besten Idee im Gepäck unter und kreiert keine nachhaltigen Lösungen.

Unterstützung über und unter Wasser

Nach dem ersten Schwimmtest der interdisziplinären Teams in Form der Projekteinreichung erfolgte eine Beurteilung der Pilotprojekte durch Expert*innen und ein Fachgremium, dass eine Auswahl der besten Projekte festlegte und über die Verteilung der Fördermittel zur Umsetzung entschied. Keine leichte Angelegenheit: Nach welchen Kriterien sollte gerecht und effizient entschieden werden? Und vor allem: Wie macht das Potenzial eines Projektes messbar? Zur Unterstützung kam hier das University Innovation Dartboard zum Einsatz. Diese visuelle Darstellung, die das Konzept, den erwarteten Nutzen und die finanzielle Rationalität einer Projektidee in den Fokus stellt, sollte den Auswahlprozess und die Verteilung der finanziellen Mittel erleichtern und transparenter gestalten. Als zusätzlicher Benefit erlaubt das Dartboard die fortlaufende Beurteilung einer Innovation während der Entwicklung und bei etwaiger Fortsetzung der Förderung.

Nachfolgend tauchten die Teams der ausgewählten Projekte zusammen mit externen Expert*innen und Nutzer*innen gemeinsam ab, um während eines Semesters ihre Innovation zu entwickeln und diese im Semester darauf in einer Lehrveranstaltung zu implementieren. Damit den Beteiligten während dieser Zeit nicht der Sauerstoff ausging, wurden sie während dieser gesamten Zeit begleitet. Unerlässlich war dabei der University Innovation Canvas: Angelehnt an den Lean Startup Canvas und den Business Model Canvas gab dieses Tool in Kombination mit begleitenden Workshops in dieser Phase des Kollaborativen Designs eine Hilfestellung in der Frage, was eine nachhaltige und sinnvolle Innovation ausmacht, regte zur gemeinsamen Reflexion an und unterstützte so eine sinnvolle Ausgestaltung und Implementierung der Innovation in die Universitätspraxis.

Zur Abrundung wurde über Community-Building und Dissemination Events die Kooperation und Interaktion zwischen den verschiedenen Pilotteams und der Austausch mit Nutzer*innnen gefördert. Ob es sich bei den entwickelten Innovationen wirklich um die langersehnten Lösungen handelt, konnten Teilnehmende im Online Makerspace selbst testen und konstruktives Feedback an die Pilotteams weitergeben. Das dadurch geschaffene Mitspracherecht der breiteren Masse sollte damit zugleich die Ownership und spätere Adaption durch beispielsweise Lehrende und Studierende vorbereiten.

Am Ende hatten sich alle Bemühungen und der lange Atem ausgezahlt. Wieder an der Wasseroberfläche angekommen, waren sechs TEL-Tools geboren. Eines davon war das Reflection Widget. Für Lehrende sollte eine Umgebung geschaffen, in der Lehrveranstaltungsdarstellung strukturierter gestaltet werden kann, Studierenden sollte die Möglichkeit gegeben werden, einen Überblick über ihren Lern- und Leistungsstatus zu erhalten. Am Ende stand Lehrenden und Studierenden ein Lernziele-Framework zur Verfügung, dass im moodle-basierten Lernmanagementsystem der TU Graz implementiert wurde.

Noch lange nicht genug

Nachdem der erste TEL Marketplace Erfolge hervorgebracht hatte und noch weitaus mehr Potenzial in den Schatztruhen der TU schlummerte, zog man sich im Folgejahr noch einmal den Taucheranzug an und startete einen zweiten Durchgang. Hier wurden auch bereits bestehende Projekte wie das Reflection Widget (nunmehr Learning Goal Widget) weiterentwickelt, neue Tools entwickelt wie die „Platform X“ für Architecture and Media-Design und eine weitere Förder-Kategorie für Lerntechnologien eingeführt, in der besonders innovative MOOCs (Massive Open Online Courses) eingereicht werden konnten.

Dies war den Projektleitenden aber nicht genug. Statt in bereits bekannten Gewässern zu verweilen, tauchte man nun sogar noch ein Stück tiefer und weitete das bereits angewandte Innovationsprogramm auf die Handlungsfelder Forschungsdatenmanagment (RDM – Research Data Management) und Verwaltung (TEA -Technology Enhanced Administration) aus. Hier wurden die genannten Abläufe und Methoden abermals erfolgreich angewandt. Eine besondere Rolle kam hier auch der universitätsinternen Serviceeinrichtung Veränderungsprozesse und Umsetzung (VPU) zu, die vor allem bei der Kommunikation nach außen viel Unterstützung boten und durch direkte Anwendung der Tools im TEA Marketplace Feedback aus erster Hand bieten konnten. Mit dieser Themenerweiterung wurde also bewiesen, dass der Marketplace nicht nur auf Lerntechnologien beschränkt sein muss, sondern die Ideen eines solchen Innovationsprogrammes skaliert werden können.

Das Abenteuer TEL Marketplace hat gezeigt, dass unter eigenen Forschungsergebnissen wahre Perlen zu finden sind. Damit aus diesen Perlen Schmuckstücke wurden, deren Schönheit nicht bald wieder verblasst, braucht es in allen Projektphasen viel Verständnis, die Unterstützung aller Beteiligten und das Bewusstsein dafür, dass Veränderung langfristig, nachhaltig und immer aus einer intrinsische Motivation heraus passieren sollte: Stakeholder*innen dürfen keineswegs bevormundet oder ihnen ein Change aufgezwungen werden. Auch für die Projektleitenden des TEL Marketplace war das Projekt ein Lernprozess. Moderations- und Coachingfähigkeiten wurden ausgebaut und Kollaborations- und Transformationstools, um eine optimale Betreuung der Stakeholder*innen zu garantieren, das Wissen über erfolgreiches Transformationsmanagement erweitert.

Ebenso wurde stets nach dem Prinzip gehandelt, keine Innovationen zu kreieren, die nur einem bestimmten Zweck oder einem bestimmten Institut dienen: Bei allen hervorgegangenen Innovationen handelt es sich um offene Technologien und auch die verwendeten Tools haben Potenzial, weiter Verbreitung zu finden. Der Digital University Canvas befindet sich bereits in internationalen Gewässern und kommt im Erasmus+-Projekt „4D in the digitalisation of learning in practice placement“ zur Anwendung.

Die Geschichte geht weiter?

Eine regelmäßige Durchführung des Marketplace Innovationsprogrammes sowie die zukünftige Beteiligung weiterer österreichischer Hochschulen ist durchaus möglich. Man darf also gespannt sein, wie die Geschichte weitergeht. Mehr Informationen zum Marketplace Innovationsprogramm sowie abgeschlossenen und laufenden Projekten finden Sie im University Innovation Report und auf der Website des Digitale TU Graz Marketplace. Es wird allen Kollaborateur*innen und Unterstützer*innen gedankt!