Digitalisierung & Klimaschutz

Eine arrangierte Ehe?

Betrachten wir zuerst die arrangierte Ehe. Frei nach dem Motto „Erst die Hochzeit, dann die Liebe“ beruht das Konzept der arrangierten Ehe auf der Vermittlung zweier Personen mit dem Ziel, dass sich beide Parteien zur Eheschließung entscheiden. Hierhin besteht auch der große Unterschied zur Zwangsheirat, denn Charaktereigenschaften, gemeinsame Interessen und stritte Themen spielen par force eine Rolle bei der Entscheidung, ob man den*die vorgeschlagene*n Partner*in ehelichen möchte.

Betrachten wir nun die gesellschaftlich und wirtschaftlich arrangierte Paarung der Themen Digitalisierung und Klimaschutz. Besonders in politischen Debatten wird beides oft und gerne gemeinsam diskutiert und die Vorteile dieser Symbiose hervorgehoben: Videokonferenz statt Flugreise, vernetzte miteinander kommunizierenden Systeme statt papier-überladene Bürokratie, smarte Mobilitätskonzepte statt hohe Luftverschmutzung – Digitalisierung gilt in vielen Fällen als die Hoffnungsträgerin für den Schutz unserer Umwelt. Was auf den ersten Blick wie eine gute Partie aussieht, weckt bei genauerem Hinschauen Zweifel.

c iStock anusorn nakdee

Denn digitale Technologien sind oft mit einem sehr hohen Energieverbrauch verbunden. Auch die Instandhaltung und die Mengen an Rohstoffen, die für digitale Infrastrukturen benötigt werden, tragen in einem nicht unwesentlichen Maße zur Belastung des Klimas bei. Hinzukommt, dass Digitalisierung nicht zwingend in allen Bereichen, in denen sie eingeführt wird, auch notwendig ist. Der Wert einer neuen Technologie misst sich letztlich an der Fähigkeit, Ressourcen und Kosten einsparen oder mindestens optimieren zu können. Man könnte an dieser Stelle meinen, mit arrangierten Ehen verhalte es sich ähnlich.

Doch ähnlich wie eine arrangierte Ehe nicht automatisch eine funktionierende Ehe ist, führt Digitalisierung nicht automatisch zur Entkopplung des Wirtschaftswachstums vom Energieverbrauch. Die Wissenschaft ist hier gefragt, in die Rolle der Vermittlung zu treten. Für eine gewinnbringende Zusammenführung für beide Parteien ist es von enormer Relevanz genauer hinzuschauen: Wo kann die Verwendung von digitalen Technologien gezielt die Energieeffizienz steigern und welche Sektoren können durch Digitalisierung energiesparend verändert werden? Vieles muss bei solchen Entscheidungen in die Waagschale gelegt werden. Und selbst wenn man auf alle relevanten Faktoren für eine erfolgreiche Zusammenführung achtet, lässt die Ernüchterung meist nicht lange auf sich warten. Man wird merken, dass es damit nicht getan ist. Diese Ernüchterung greift spätestens in dem Moment, in dem wir merken, dass unsere Bemühungen um Energieeinsparungen durch Digitalisierung letztlich doch nicht ausreichen, um unsere Klimaziele zu erreichen.

Kommen wir an dieser Stelle wieder zurück zu unserer arrangierten Ehe. Gleichermaßen wird hier akribisch auf Details geachtet: Gibt es gemeinsame Visionen? Welchen Einfluss nimmt der sozioökonomische Hintergrund einer Person auf die Entscheidung? Gibt es strittige Themen? Man versucht, möglichst viele Risikofaktoren zu beseitigen, damit es zu einer beständigen Ehe kommt. Doch meist tritt auch hier ab einem bestimmten Punkt die Ernüchterung ein. Ohne Liebe macht das alles nicht so wirklich Spaß - geschweige denn Sinn. 

Wenn wir Liebe in diesem Kontext als Pendant für Transformation verstehen, kann die ökologische Transformation relevanter IKT Sektoren der Schlüssel für eine funktionierende Ehe zwischen Digitalisierung und Klimaschutz sein. Stellen wir die Digitalisierung in den Dienst einer ökologischen Transformation, so verschwindet möglicherweise auch der negative Beigeschmack dieses speziellen Arragments.